Freitag, August 22, 2003

Alan Meltzer diskutiert Japans Geldpolitik

Gastkommentar in der Financial Times (18. August)

Leider verlangt die FT Geld für Ihren Internetauftritt, deshalb hier eine knappe Zusammenfassung. Meltzer führt Japans jüngste wirtschaftliche Belebung auf einen Richtungswechsel der Geldpolitik zurück, zu dem sich die Bank of Japan (BoJ) Mitte 2002 entschloss - nach jahrelangem Zögern. Statt Liquidität ausschließlich auf klassischem Weg in die Volkswirtschaft zu pumpen - durch kurzfristige Refinanzierungsgeschäfte und nur über Banken - begann die BoJ, längerfristige Wertpapiere zu kaufen. Die Folge: die Zinsen für langfristige Unternehmensanleihen fielen von ca. 3.5 Prozent vor gut einem Jahr auf 1.5 Prozent heute, und die Nachfrage nach Investitions- und langfristigen Konsumgütern sprang an.

Das Fazit.
(1) die keynesianische Liquiditätsfalle schnappt erst zu, wenn alle Zinsen auf null gefallen sind, nicht nur die kurzfristigen. Und alle Zinsen waren niemals null, weder in Japan 1998-2003 noch während der Weltwirtschaftskrise 1929-1933 (Meltzer attackiert damit u.a. den Princeton-Ökonomen Paul Krugman, der für Japan die Liquiditätsfalle diagnostizierte).
(2) solange die Liquiditätsfalle nicht zugeschnappt ist, ist entschlossene Geldpolitik immer wirksam - selbst wenn die Banken Liquidität nicht weitergeben und ungelöste Strukturprobleme die Volkswirtschaft plagen. Die Zentralbank kann sich nicht hinter den Versäumnissen anderer verstecken.
(3) um Erfolg zu haben, muss die Zentralbank allerdings bereit sein, alle ihr zur Verfügung stehenden Mittel auszuschöpfen; nicht nur solche, die sie gewohnt ist. In einem deflationären Umfeld wie in Japan heißt das: Banken bei der Zuteilung von Liquidität umgehen, und außer den kurz- auch die langfristigen Zinsen attackieren.

Die Meinung der Kolumne: es ist reichlich früh, Japans Wiederauferstehung zu feiern, aber Meltzers Argumente haben ohne Zweifel Gewicht. Sollte Europa jemals in Japan-artige Depression und Deflation abrutschten, hofft die Kolumne, dass sich die EZB-Strategen auf Meltzers Rat besinnen werden. Alan Meltzer ist Ökonomieprofessor an der Carnegie-Mellon Universität, Monetarist, und politisch eher konservativ. Einer breiteren Öffentlichkeit wurde er durch Reformvorschläge zum IWF und der Weltbank bekannt, die eine von ihm geleitete Kommission dem US-Kongress unterbreitete (dem so genannten "Meltzer-Report").

(c) Die Kolumne, 2003